Premiere auf dem Vorfeld: Nikoletta Emrovic bringt das Eis zum Schmelzen

J.Heppner Flughafen

Enteisung

Der Flughafen Frankfurt ist ein Jobmotor in der Region. Im vergangenen Jahr arbeiteten allein beim Fraport-Konzern rund 21.000 Beschäftigte, darunter knapp 4.000 Frauen. Immer öfter wählen diese auch nicht typisch weibliche Berufe. Nikoletta Emrovic beispielsweise sorgt seit diesem Winter dafür, dass die Flugzeugenteisung an Deutschlands größtem Luftverkehrsdrehkreuz keine Männerdomäne mehr ist.

Den Platz gefunden

Wenn Nikoletta Emrovic mit leuchtenden Augen davon erzählt, wie es sich anfühlt, in einer kleinen Kabine rund 15 Meter über dem Erdboden zu schweben, während einem die Flugzeuge „zu Füßen liegen“, dann versteht man sofort: Da hat jemand seinen Platz gefunden. Zumal die 43-Jährige klare Ziele bei der Jobwahl hatte. „Ich wollte einen starken Job, eine Arbeit, die mir mein Selbstbewusstsein zurückgibt“, berichtet die zweifache Mutter, die nach langer Familienauszeit auf den Arbeitsmarkt zurückkehrte.

Sie bewarb sich vor einem Jahr am Flughafen Frankfurt bei der Airport Personal Service GmbH (heute FraGround Fraport Ground Services GmbH) für einen Job in der Abfertigung auf dem Vorfeld („Wenn das nicht stark macht!“), wechselte dann in den Transportservice für mobilitätseingeschränkte Passagiere, weil sie dort länger arbeiten konnte, und erhielt im Herbst das Angebot, sich zusätzlich zur Enteiserin ausbilden zu lassen.

Von Schnee und Eis befreit

Nun sitzt mit ihr erstmals eine Frau in der Führerkabine auf einem der rund 70 Spezialfahrzeuge der Firma N*ICE. Die Beteiligungsgesellschaft von Fraport und Swissport ist auf die Enteisung von Flugzeugen spezialisiert und kann auf rund 450 Flughafenmitarbeiter zurückgreifen, die in den Wintermonaten in Frankfurt Passagier- und Frachtmaschinen von Schnee und Eis befreien.

In der Regel werden sie von den Abfertigungsteams der Bodenverkehrsdienste ausgeliehen, und da diese mittlerweile seit kurzem immer mehr Frauen beschäftigen, war es eine logische Folge, dass in diesem Winter mit Nikoletta Emrovic erstmals eine Enteiserin zum Einsatz kommt.

Spezielle Schulung

Es ist eine verantwortungsvolle Tätigkeit. „Vereiste Tragflächen können die Aerodynamik eines Flugzeugs empfindlich beeinträchtigen. Wir müssen daher nach der Enteisung einen gesicherten Flieger übergeben“, erklärt Stephan Röhrig, Leiter Standards & Verfahren bei N*ICE. Entsprechend sorgfältig ist die theoretische Schulung, auf die ein einwöchiger, begleiteter Praxiseinsatz und schließlich eine Prüfung folgen. Hierzu verfügt N*ICE sogar über ein eigenes Übungsflugzeug vom Typ BAe 146, das auf einer Sonderfläche im südlichen Teil des Flughafenvorfelds parkt.

Anstatt an Containern oder Attrappen proben die zukünftigen Fachmänner und -frauen von N*ICE an einem echten Kurzstreckenjet, was auch den parallelen Einsatz mehrerer Enteisungsfahrzeuge und Teamarbeit ermöglicht. Neben dem Übungsflugzeug stehen seit 2016 zusätzlich zwei Enteisungssimulatoren zur Verfügung, an denen die Enteiser virtuell und damit völlig risikofrei die Bedienung des Fahrzeugs trainieren können.

150dpi_2013_am_0106Die Mischung macht‘s

Beim Training verwenden sie Wasser, im Winter hingegen kommt ein spezielles Gemisch zum Einsatz: Das Wasser wird dann auf bis zu 80 Grad Celsius erhitzt und – in Abhängigkeit von der Außentemperatur – in einem bestimmten Verhältnis mit Enteisungsflüssigkeiten auf Glycol-Basis gemischt. Neben einem Wassertank mit einem Fassungsvermögen von 4.000 Litern verfügen die größten Enteisungsfahrzeuge über zwei weitere, jeweils 2.000 Liter fassende Behälter, die mit einer roten und einer grünen Enteisungsflüssigkeit gefüllt sind.

Die erste dient der Befreiung der Flugzeuge von Schnee, Schneematsch und Eis. Die zweite ist deutlich zähflüssiger, bleibt eher auf den Tragflächen haften und verhindert die Wiedervereisung bis zum Start. Die Farben sind international standardisiert und für Enteiser wie Piloten eine einheitliche Erkennungshilfe bei der Sichtkontrolle. Eine Rot-Grün-Sehschwäche dürfen die N*ICE-Beschäftigten nicht haben.

Enteisungen auch im Mai

Ob ein Flugzeug enteist werden soll, entscheidet übrigens nicht das Thermometer, sondern immer der Pilot. „Es gibt keine Temperatur-Grenze“, sagt Röhrig, „manchmal haben wir noch im Mai oder Juni Enteisungen, wenn das Kerosin in den Tanks in großer Flughöhe der Kälte ausgesetzt war und dann am Boden das Kondenswasser auf der Außenhaut der Tragflächen eine gefährliche Eisschicht bildet.“

Der Pilot kennt seine Maschine ganz genau und beurteilt unter Einbeziehung relevanter Faktoren – Außentemperatur, Niederschlag, Material –, ob eine Enteisung erforderlich ist. Enteist wird entweder direkt an der Parkposition oder auf speziellen Flächen, die die Maschinen auf ihrem Weg zur Startbahn passieren. Dabei sind – gemäß Vier-Augen-Prinzip – immer mindestens zwei Enteiser vor Ort; bei großen Langstreckenjets rücken bis zu sechs der rund 800.000 Euro teuren Spezialfahrzeuge an.

AM_20161230__M__7643Botschaft für die Tochter

Der moderne Fuhrpark, das umfangreiche Equipment und vor allem das Personal von N*ICE sorgen so dafür, dass auch im Winter an einem der weltweit größten Flughäfen die Maschinen sicher starten können. Dass es dann auf dem Vorfeld durchaus nass und kalt zugeht – Nikoletta Emrovic winkt da nur ab.

„Als Mutter ist man es gewöhnt, bei Wind und Wetter draußen zu sein“, sagt sie schmunzelnd und wird noch einmal ernst: „Der Job am Flughafen ist auch deshalb wichtig für mich, weil ich so meiner Tochter zeige: Frauen können alles schaffen!“