Luftfracht mit Herz: Seit über zehn Jahren transportiert „Luftfahrt ohne Grenzen“ Menschlichkeit rund um die Welt

J.Heppner Flughafen

Luftfahrt ohne Grenzen

Die Hilfsorganisation „Luftfahrt ohne Grenzen“ nimmt sich seit über 14 Jahren vor allem den Schwächsten der Gesellschaft an, den Kindern. Sie leistet nachhaltige Hilfe nach Natur- und humanitären Katastrophen, ermöglicht aber auch den Transport medizinischer Notfälle aus aller Welt nach Deutschland. Seit 2004 hat „Luftfahrt ohne Grenzen“ (LOG) ihren Sitz in der CargoCity Süd am Flughafen Frankfurt.

5.336 Tonnen sind 5.336.000 Kilogramm. Das entspricht rund 18 Millionen Gläschen mit Babynahrung. Oder etwa fünf Millionen Winterjacken. Die LOG hat seit 2004 aber nicht nur ebendiese Menge Hilfsgüter zu Wasser, zu Lande und in der Luft in die Welt geschickt. Jede Decke, jede Jacke und jedes Glas Babynahrung waren gleichzeitig eine Botschaft.

Luftfahrt ohne Grenzen vergisst nicht

„Ihr seid nicht vergessen“, sagten die Zelte, die im Flüchtlingscamp im kargen türkischen Hochland nahe der syrischen Grenze aufgebaut wurden. „Es gibt jemanden, der an euch denkt“, stand als unsichtbare Nachricht auf den Decken, mit denen sich die Erdbebenopfer in Pakistan vor der Kälte schützten. „Wir lassen euch nicht im Stich“, versprachen die Kleidungspakete, die in Ungarn, Bosnien und Serbien an die Flüchtlinge auf der Balkan-Route verteilt wurden.

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Frank Franke ist einer der Gründer der Organisation, die seit 2003 das weltumspannende Netz der Luftfahrt nutzt, bei Bedarf aber auch auf den See- und Landweg ausweicht, um Medizin, Schuhe, Kindernahrung, Kleidung und vieles mehr in die Krisengebiete zu bringen. Wo andere noch das Für und Wider eines Transports abwägen, sitzen Franke und seine Kollegen samt 100 Tonnen Hilfsgütern längst im Flugzeug.

Zugegeben, das ist etwas Überspitzt formuliert, aber der einstige Rundfunkjournalist und LOG-Präsident sagt selbst: „Wir haben immer wieder festgestellt, dass vieles geht, wenn man es einfach nur macht.“ Zusätzlich leistet die Organisation individuelle Hilfe: Sie ermöglicht erkrankten Kindern, die in ihrem Heimatland kaum Aussicht auf angemessene medizinische Versorgung haben, die Behandlung in einer deutschen Spezialklinik.

Transparentes Vorgehen

Das sollte ursprünglich das vorrangige Ziel von LOG sein, doch dann, ein Jahr nach der Gründung, Überrollte am 26. Dezember 2004 eine der größten Naturkatastrophen der Neuzeit weite Küstenstriche am Indischen Ozean. Nur vier Tage nach dem Tsunami hatten Franke und sein Team 23 Tonnen Hilfsgüter in das Krisengebiet nach Sri Lanka geschickt, viele weitere sollten folgen.

Getrieben von dem Wunsch, den Menschen so schnell wie möglich zu helfen, koordinierten die Mitstreiter nicht nur von Frankfurt aus den Frachttransport, sondern sorgten auch vor Ort dafür, dass das Material tatsächlich bei den Schutzbedürftigen ankam. Bis heute halten sie an diesem Prozedere fest: Mit Partnern vor Ort, zum Beispiel dem International Medical Corps, legen sie fest, was benötigt wird. LOG-Vertreter begleiten dann jeden Transport und dokumentieren ihn im Film. So garantieren sie größtmögliche Transparenz und die Gewissheit, dass die Hilfe dort ankommt, wo dringend auf sie gewartet wird.

Stille Helfer im Hintergrund

Viele Unternehmen unterstützen LOG, vom renommierten Automobilhersteller und namhaften Textilproduzenten bis hin zum Nahrungsmittelkonzern. Hinzu kommen zahlreiche Privatpersonen und Vereine, sei es eine Laienspieltheatergruppe, ein Karnevalsverein oder ein Eishockey-Zweitligist, die Spendenaktionen durchführen. „Wir leben von den stillen Helfern im Hintergrund“, sagt Vize-Präsidentin Marie-Luise Thüne, „manchmal sind wir selber verblüfft, wer unsere Arbeit kennt und unterstützt. Aber das motiviert natürlich ungemein.“

Auch die Fraport AG zählt dazu. So hat der Flughafenbetreiber dauerhaft zwei Büro-Angestellte ausgeliehen, beteiligt sich an den Kosten für die Räumlichkeiten in der Cargo City Süd und gibt Fraport-Azubis die Möglichkeit, einen Teil ihrer Ausbildung in der Hilfsorganisation zu absolvieren.

Wie ein Wunder

Ebenso wertvoll sind zudem die Kontakte, die sich mit der Zeit durch den Standort an einem der weltweit größten Luftverkehrsdrehkreuze entwickelt haben. Airlines stellen beispielsweise kostenlos, oder zu günstigen Konditionen, ihren Frachtraum zur Verfügung, um Decken, Zelte, Medikamente, Hygieneartikel, Kindernahrung oder Stofftiere so rasch wie möglich rund um den Globus zu transportieren.

Thüne erinnert sich noch gut an das Erdbeben 2005 in Pakistan, bei dem rund 85.000 Menschen starben und rund drei Millionen Einwohner ihre Bleibe verloren: „Am 8. Oktober bebte die Erde, am 14. Oktober startete ein Jumbo mit 107 Tonnen Hilfsgütern nach Islamabad, zwei Monate später haben wir weitere 107 Tonnen nach Pakistan geschickt. Es war eine unserer größten Herausforderungen und noch heute kommt es mir wie ein Wunder vor, dass wir das geschafft haben.“

Luftfahrt ohne Grenzen

Kinder WASH project

Kleines Team, große Hilfe

Zumal für Hilfstransporte die gleichen Regeln gelten wie für jede Luftfracht. Ob Medizin, Kleidung oder Nahrung – für alles sind, abhängig vom Zielort, Einfuhrbedingungen, Sicherheitschecks, Zollauflagen und Dokumentenpflichtenhefte zu beachten. „Hier leisten vor allem die Logistik-Partner dank ihres Detailwissens wichtige Hilfe“, sagt Felix Groh, der für die Logistik verantwortlich ist. Er ist einer von zwei Angestellten, hinzukommen, neben den beiden Fraport-Beschäftigten, die überwiegend ehrenamtlichen Vorstände Franke, Thüne und Rolf Geyer sowie viele ehrenamtliche Helfer.

Angesichts dieser schlanken Organisation ist es umso bemerkenswerter, was dieses Team weltweit leistet: LOG organisierte zum Beispiel 2012 den ersten weltweiten Hilfsflug für syrische Flüchtlinge in türkische Lager. Als 2010 Haiti von einem Erdbeben verwüstet wurde, waren sie nur 72 Stunden später mit Medikamenten vor Ort; vor kurzem ging eine weitere Groß-Sendung mit vier Tonnen Arzneien zur Cholera-Bekämpfung auf die Insel.

„Nachdem wir schon einmal 140.000 Einheiten dorthin geliefert hatten, sank die Todesrate in dem Gebiet von 18,8 auf 0,08 Prozent“, berichtet Franke. Parallel dazu laufen nachhaltige Projekte wie die Unterstützung für Waisenhäuser in Rumänien oder die Ausstattung eines Kinderheims in Myanmar mit Laptops, die Fraport zur Verfügung gestellt hatte.

Luftfahrt ohne Grenzen

Bewegende Bilder

Es sind bewegende Bilder, die Thüne und Franke von den Hilfstransporten zeigen. Bilder, die einen ungefiltert mit Zerstörung, Leid und Hoffnungslosigkeit konfrontieren. Wie gehen sie damit um? „Wir sind dort, um zu helfen. Das heißt, wir kommen nicht unvorbereitet, sondern können wirklich etwas tun. Diese Geschäftigkeit treibt dich weiter und hilft dir über manches hinweg“, sagt Franke nachdenklich.

„Wenn meine Kinder Hilfe brauchten, dann war es immer wichtig, Hoffnung zu vermitteln. Bei diesen Menschen ist das nicht anders“, sagt Thüne, „wir sind außerdem das Bindeglied zu einem normalen Leben.“ Manchmal jedoch versagen die eigenen Schutzmechanismen, zum Beispiel, wenn man mitten im reichen Europa in einem Flüchtlingslager steht und nicht begreifen kann, dass dort Familien mit kleinen Kindern unter widrigsten Bedingungen ihr tristes Dasein fristen.

Dann muss sich auch Thüne in Erinnerung rufen: Die Decke, die sie der jungen Frau oder dem alten Mann gibt, ist nicht nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein. „Wir vergessen dich nicht“, sagt diese Decke. Und so wird sie zum Symbol für eines der höchsten Güter überhaupt: für Menschlichkeit.

Photo Credits: LOG